Sauberes Wasser, saubere Luft und saubere Information

Allgemeinbildung – vom Aussterben bedroht
20. September 2017
Manfred Rießer Macht
Der gefährliche Ruf nach Macht
20. September 2017

Sauberes Wasser, saubere Luft und saubere Information

Es gibt einen Markt für Aktien, für Rohstoffe, für Autos und für Musik-Downloads. Es gibt einen Mode- und einen Handymarkt. Und selbstverständlich gibt es einen Arbeitsmarkt. Für fast jedes Produkt und jede Dienstleistung gibt es einen Markt, auf dem sich die Preise im Wesentlichen aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage ergeben. Wenn es sich um illegale Produkte wie Rauschgift oder strafrechtlich verfolgte „Dienstleistungen“ wie Kinderprostitution handelt, führt dies in den meisten Fällen nicht zum Verschwinden des Marktes sondern zum Steigen der Preise. Risiko will bezahlt werden.
Es gibt auch einen „Meinungsmarkt“. In der Politik und selbstverständlich auch in der Wirtschaft herrscht eine riesige Nachfrage nach „Meinungsbildung“. Wählern und Kunden sollten bestimmte Informationen glaubwürdig vermittelt werden, damit sie sich die gewünschte Meinung bilden und in ihrem Wahl- oder Kaufverhalten danach orientieren. Die Konkurrenz am Meinungsmarkt ist riesig, das Gedränge vor dem Bewusstsein oder dem Unterbewusstsein der Menschen entsprechend groß. Marketing- und Wahlstrategen bemühen sich darum, die Kunden ihres Auftraggebers mit offenen oder versteckten Botschaften zu überzeugen. Informationsmedien bieten zielgruppenorientierte Nachrichten, die einen möglichst häufigen Griff zu einer bestimmten Zeitung oder den wiederkehrenden Klick auf die Seite eines Online-Mediums garantieren.

Die Meinungsfreiheit ist in zivilisierten Gesellschaften ein Menschenrecht. Wie aber sollte sich der überforderte Bürger eine „freie“ Meinung bilden, wenn er durchwegs mit gekauften oder nachfrageoptimierten Informationen versorgt wird? In Deutschland und Österreich gibt es jeweils einen Presserat, der die Journalisten in schön formulierten Pressekodizes zu journalistischer Sorgfalt, Unabhängig, Seriosität und anderen lobenswerten Tugenden verpflichtet. In der Schweiz formulierte der Presserat eine entsprechende „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“.
Abgesehen davon, dass es sich bei diesen Kodizes um keine einklagbaren Gesetze handelt und auch keineswegs alle Medien die Verpflichtungen unterschrieben haben, ist die Auslegung der einzelnen Bestimmungen nicht immer eindeutig. Beschwerden beim Presserat sind möglich und führen auch immer wieder zu Richtigstellungen, wirklich beeinflusst wird der große Meinungsbildungsmarkt dadurch jedoch nicht.

Menschen dürfen zu Recht erwarten, dass eine zivile Gesellschaft für sauberes Wasser und eine gesunde Luft sorgt.
Dürfen wir auch erwarten, dass eine Gesellschaft für „saubere Informationen“ sorgt?
Viele Staaten sind mit der Verantwortung für Luft und Wasser schon überfordert. Aber praktisch alle Staaten kapitulieren vor der Aufgabe, den Menschen Informationen zu bieten, in denen Wahrheit und Menschenwürde an oberster Stelle stehen. Korrekter ausgedrückt: sie sind sich dieser Aufgabe überhaupt nicht bewusst.

Wie sehr der freie Meinungsmarkt die Qualität der Informationen nach unten drückt zeigt ein sehr einfaches Beispiel: Im Internet gibt es etwa 25 Millionen pornografische Seiten, ein Drittel des Internet-Traffic hat pornografischen Inhalt. Pro Sekunde wird im Internet über 3.000 Dollar für Pornografie ausgegeben. Das ergibt stolze 94,6 Milliarden Dollar pro Jahr (siehe auch: http://www.jugendforumwiedenest.de und http://www.pcwelt.de/news.

Während die Pornografie nicht konsumiert werden muss, und jeder gebildete Mensch die Freiheit hat, sich dieser zu einem großen Teil auf Menschenhandel und Versklavung von Mädchen gegründeten Branche zu entziehen (aber erklären Sie das mal einem pubertierenden Teenager, der mit einem Mausklick Pornografie konsumieren kann!), ist es wenig sinnvoll, Nachrichten aus Angst vor gekauften, manipulierten Meldungen zu ignorieren.

Wer die Welt verstehen und sich in ihr bewähren möchte, braucht Informationen ebenso wie Luft und Wasser.
Wo erhalten wir „saubere“ Informationen, und wie können wir „saubere“ Informationen definieren?
Jetzt wäre ein ebenso langatmiger wie spannender Ausflug in die Welt der Philosophie und dort in die Suche nach dem Begriff „Wahrheit“ angebracht.

Wichtiger als theoretische philosophische Betrachtungen erscheint mir jedoch die Tatsache, dass „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“, „Güte“ und mit welchen Attributen wir auch sonst noch „saubere“ Informationen belegen möchten, immer ein ethisch-moralisches Vorzeichen benötigen. Abseits der Naturwissenschaften gibt es kaum wertfreie Feststellungen. Nachrichten, aber auch Schulungsinhalte, Beratungsgespräche, Kundeninformationen, politische Diskurse, Filme, Lieder oder Bücher beinhalten ausnahmslos Wertungen. Die Inhalte werden nach bestimmten Kriterien ausgewählt, gestaltet und gewichtet. Es gibt also keine „objektive“, „ungefilterte“ Information.

Welche Nachricht ist bedeutsamer? „Bei einem Bombenanschlag sind fünfzehn Menschen ums Leben gekommen“ oder „Wie jeden Tag sind auch heute wieder 24.000 Menschen an Hunger gestorben“? Der Bombenanschlag wird es auf die Titelseiten der Zeitungen und in alle Nachrichtensendungen in Fernsehen und Rundfunk schaffen. Die 24.000 Hungertoten nicht.
Mit dem Filter „Neu vor Alltäglich“ werden die uns täglich dargebotenen Nachrichten selektiert.
„Only bad news are good news.” Diese alte Weisheit der Medienpsychologie bildet einen weiteren Filter.
Der wichtigste Filter aber lautet: „Wir bieten den Menschen nur solche Informationen, für die sie auch zu zahlen bereit sind.“
Die „saubere“ Information, die „Wahrheit“ wird so zum Bestandteil des Angebot-Nachfrage-Spiels.

Ändern lässt sich dieses Faktum nicht. Mildern schon.

Wenn der Staat, losgelöst von parteipolitischen Begehrlichkeiten, die Aufgabe, Menschen mit „sauberen“ Informationen zu versorgen, als eine wichtige Herausforderung für ein Gemeinschaftswesen betrachtet, kann dem verrotteten Mediendschungel ein seriöses Informationsangebot entgegengehalten werden.

Wenn sich Menschen weigern, Schrott zu konsumieren – sei es im Internet oder in sonstigen Medien – wird das Angebot an „übelriechender“ Information automatisch abnehmen. Dieser wichtige Aspekt der Selbstverantwortung muss bereits im Erziehungs- und Bildungswesen stärker betont werden.

Wenn Menschen und Unternehmen sich verpflichtet fühlen, am Medienmarkt nicht nur nach der höchsten Rendite sondern auch nach „sauberer“ Information zu streben, wird sich eine entsprechende Veränderung der Medienlandschaft einstellen.

Die Angebotsseite, die Nachfrageseite und die öffentliche Hand sollten wissen, dass sie eine Verantwortung tragen, wenn es um „saubere“ Information geht.

error: Inhalt ist Copyright geschützt