Es gibt keine Wirtschaftskrise

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Es gibt keine Wirtschaftskrise

Noch nie wurden auf diesem Planeten so viele Güter und Dienstleistungen produziert als heute. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt ist zwischen 2003 und 2012 von 37.527 Mrd. Dollar auf 71.707 Mrd. Dollar gestiegen. Zwischen 2001 und 2011 stieg das weltweite BIP pro Kopf von 5.187 Dollar auf 10.036 Dollar.(Quelle: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/159798/umfrage/entwicklung-des-bip-bruttoinlandsprodunkt-weltweit/)

Bei allen berechtigten Einwänden gegen das BIP als Maßzahl des Wohlstands können wir doch feststellen, dass wir jedenfalls nicht zu wenig produzieren.

Warum stecken wir trotzdem stecken tief in der Krise?
Die Entwicklung Staatsschuldenquote zwischen 2000 und 2012 zeigt folgende Zahlen (http://wko.at/statistik/eu/europa-verschuldung.pdf):
Deutschland: von 60,2% auf 81,9%
Österreich: von 66,2% auf 73,4%
Eurozone: von 69,2% auf 92,7%
EU: von 63,2% auf 89,8%
USA: von 55,1% auf 107,5%
Japan: von 140,1% auf 237,5%

In diesem Zeitraum stieg jedoch nicht nur die öffentliche sondern auch die private Verschuldung.
Die Verschuldung von Privathaushalten, Nicht-Finanzunternehmen und Ländern in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten hat sich seit 1980 relativ zum Bruttoinlandsprodukt verdoppelt: Inflationsbereinigt ist die Verschuldung der Unternehmen dreimal, die der Staaten viermal, die der privaten Haushalte sogar sechsmal so hoch. (http://www.zeit.de/2012/19/Staatsschulden-Europa)

Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit zwischen 2000 und 2012 zeigt folgendes Bild:
http://wko.at/statistik/eu/europa-arbeitslosenquoten.pdf
EU: von 8,7% auf 10,6%
Eurozone: von 8,5% auf 11,4%
USA: von 4% auf 8,1%

Wie passen diese Fakten zusammen? Steigende Produktion von Gütern und Dienstleistungen mit steigender öffentlicher und privater Verschuldung und steigender Arbeitslosigkeit?
Dieser scheinbare Widerspruch zeigt, dass wir keine Wirtschaftskrise sondern „nur“ eine Verteilungskrise haben.

Während die Lohnquote (der Anteil der des Lohneinkommens am Gesamteinkommen) sinkt, steigt das Einkommen aus Kapitalerträgen. (http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-12/schere-loehne-kapitalanlagen)

Während denjenigen, die durch ihren Konsum die Wirtschaft aufrecht erhalten, der dafür notwendige Anteil am Kuchen vorenthalten wird, wissen diejenigen, die sich über wachsendes Kapital freuen dürfen, scheinbar nicht mehr, was sie damit anfangen sollten. Investiert wird weniger in neue (umweltfreundlichere, energieeffizientere) Technologien sondern in heiße Luft auf den Kapitalmärkten: „Der Handel mit Derivaten ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Was ursprünglich als Absicherung für Investoren gedacht war, läuft offenbar völlig aus dem Ruder. Weltweit umfasst der Derivatemarkt in etwa 638 Billionen Dollar – mehr als zehnmal soviel wie das BIP der gesamten Welt, wie die aktuellste Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) vom Juni 2012 zeigt. Die Derivategeschäfte finden nicht über Börsen statt, sondern im direkten Kontakt der jeweiligen Händler, „Over the Counter“. Damit gab es bisher in diesem Bereich des Finanzmarktes so gut wie keine Regulierung.“ (zitiert aus: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/01/31/derivate-erste-explosionen-im-umfeld-der-700-billionen-dollar-bombe/)

Ungerecht verteilt sind jedoch nicht nur Einkommen und Vermögen (im Euro-Raum besitzen 10% der Haushalte 50% des Vermögens – siehe: http://www.wienerzeitung.at/dossiers/datagramm/vermoegensverteilung/537937_Die-wichtigsten-Ergebnisse-der-EZB-Studie.html), sondern auch die Arbeit. Können Sie sich an die letzte Arbeitszeitverkürzung erinnern? Obwohl die Produktivität ständig steigt, wagt es niemand daran zu erinnern, dass wir nicht dazu verdammt sind, immer mehr zu produzieren. Wir könnten auch weniger arbeiten und die zur Verfügung stehende Arbeit gerechter verteilen. Diese Vorgehensweise war im vorigen Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit und wird heute kaum mehr erwähnt.

Diese Ungerechtigkeit in der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Arbeit findet ihre Fortsetzung in der Ungerechtigkeit der Verteilung der „Lasten“ unserer Wirtschaftsweise.
Das Zitat von Karl Marx – „Gewinne werden privatisiert – Verluste werden sozialisiert“ – hat sich in den letzten Jahren auf dramatische Weise bewahrheitet. Und so weit es uns möglich ist, wälzen wir sowohl die Schulden als auch die sozialen und ökologischen Probleme nonchalant auf die kommenden Generationen über.

Wie können wir diese Verteilungskrise lösen? Im hilflosen Ruf nach mehr Wachstum liegt jedenfalls keine dauerhafte Lösung. Was nützt es, noch mehr zu produzieren, wenn der dadurch erzielte Mehrwert weiterhin unsinnig und ungerecht verteilt wird? In unzähligen Büchern, Vorträgen, Artikeln und Blogs gibt es alternative – teils realistische teils völlig utopische – Vorschläge. Welche Methoden und Werkzeuge auch immer angewendet werden, folgende Voraussetzungen sind für einen Erfolg unerlässlich:

  • Das Primat der Politik über die Wirtschaft: Ein Staat oder eine Staatengemeinschaft, die dem Finanzmarkt so hilflos gegenübersteht, wie wir es in den letzten Jahren erleben, ist für die Wirtschaft kein glaubwürdiger Partner. Die Staaten haben den Rahmen zu schaffen, in dem die Wirtschaft blühen kann, den sie aber nicht überwuchern darf.
  • Verteilungsgerechtigkeit und Leistungsförderung: Es darf keine leistungsfeindliche Umverteilung von „fleißig“, „innovativ“ zu „faul“, „risikoscheu“ geben. Es darf aber auch nicht sein, dass der Markt eine langfristig wirtschaftsfeindliche und sozial unerträgliche Schieflage der Verteilung schafft und dies einfach hingenommen wird.
  • Die Wirtschaft ist kein Gott. Finanzmarkt und Kapital sind keine Götter, die das Geschehen auf dieser Welt bestimmen dürfen. Wenn sie zu solchen hochstilisiert werden, müssen sie von ihrem Sockel gestürzt und wieder zu Dienern gemacht werden.
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