Der gefährliche Ruf nach Macht

Sauberes Wasser, saubere Luft und saubere Information
20. September 2017
Es gibt keine Wirtschaftskrise
20. September 2017

Der gefährliche Ruf nach Macht

Manfred Rießer Macht

In Zeiten der Krise ist es immer modern, die tatsächlich oder vermeintlich Mächtigen zu verdächtigen und zu kritisieren. Machtmissbrauch, Korruption, Machtgier…… in den charakterlichen Verfehlungen derer, die wir an den Schalthebeln der Macht vermuten, finden wir auch rasch die Ursache aller Probleme. Bestätigt werden wir in dieser Meinung durch die zahllosen Berichte über Skandale und Verbrechen in jenen Kreisen, zu denen wir niemals gehören werden. Und weil wir es bis dorthin auch niemals schaffen werden, trösten wir uns mit der Behauptung, niemals zu dieser selbsternannten Elite gehören zu wollen.

Um die Problematik rund um den Begriff „Macht“ näher zu verstehen, sollten wir einen kurzen Blick in die Geistesgeschichte wagen.
Nach Max Weber ist Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleich wie, worauf diese Chance beruht“.
Im antiken Griechenland gab es für das Wort „Macht“ die Begriffe arche, dynamis, kratos, tyranos und despoteia. Im Lateinischen finden wir die Worte auctoritas und potentia. Ohne jetzt auf die genaue Bedeutung der einzelnen Worte näher eingehen zu wollen, können wir festhalten, dass sich beim antiken Machtverständnis meist um die Gestaltung und Auswirkung der Macht in politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bereichen handelte.
Im Judentum des Alten Testamentes lag in Gott der Ursprung aller Macht, und vor ihm musste auch jeder Gebrauch oder Missbrauch der Macht verantwortet werden.
1532 erschien (posthum) Machiavellis Werk „Il Principe“ (Der Fürst). Machiavelli verteidigt die unumschränkte Macht des Herrschers, und dementsprechend steht der Begriff „Machiavellismus“ bis heute stellvertretend für ein grenzen- und skrupelloses Machtstreben in der Politik.
Der zweite zu berücksichtigende Denker war Thomas Hobbes. Da er der Überzeugung war, dass „der Mensch, dem Menschen ein Wolf ist“ („homo homini lupus“ ursprünglich ein Zitat des römischen Dichters Plautus – ca. 250 v. Chr.)tritt er in seinem Werk „Leviathan“ (1651) dafür ein, das Gewaltmonopol dem Souverän zu übertragen, und dafür die individuelle Freiheit zu opfern.
Spätere Denker wie John Locke (1632 – 1704) und Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) traten diesem den Absolutismus fördernden Denken entgegen.
Den nach heutigen demokratischen Maßstäben bedeutendsten Beitrag zu diesem Thema erarbeitete Montesquieu (1689 – 1755) mit seinem auf Vorschlag, mittels der Aufteilung der Staatsgewalten, Macht durch Macht zu begrenzen. Die Bereiche Gesetzgebung (Legislative), Rechtsprechung (Judikative) und Regierungsgewalt (Exekutive) sollten im Unterschied zum absolutistischen Denken nicht in einer Hand liegen.

Während die Begründung und die Gestaltung der Macht in der Geistesgeschichte immer wieder ausführlich behandelt worden ist, ist die Frage nach der „Psychologie der Macht“ ein noch relativ junges Forschungsgebiet.
Michael Schmitz hat diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet: „Psychologie der Macht: Kriegen was wir wollen“ (2012). Lesenswert ist unter anderem aber auch Christine Bauer-Jelinek: „Die geheimen Spielregeln der Macht: und die Illusionen der Gutmenschen“ (5. Auflage – 2007) und Byung-Chul Han: “Was ist Macht?“ (2005).

Das Grundproblem vor dem wir stehen, ist immer dasselbe:
Macht ist notwendig, wenn Gemeinschaften (von der Familie bis zum Staatenverbund) nicht im Chaos versinken sondern nach Frieden, Fortschritt und Wohlstand streben wollen.
Die damit verbundene Schattenseite und Gefahr der Macht wird am besten mit dem Zitat des Historikers Acton (1834 – 1902) umschrieben: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.“
Dieser Erkenntnis folgte auch der 3. Präsident der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson (1743-1826), als er feststellte: „Wenn es um die Macht geht, darf man keinem Menschen trauen, sondern muss alle Fesseln der Verfassung anlegen.“
Diese alten Erkenntnisse bestätigen sich seither in immer dramatischeren Ausmaß: Wo Macht ist, finden wir – zumindest langfristig – immer auch den Machtmissbrauch. Dabei ist es völlig egal, ob wir Staaten, Unternehmen oder religiöse Gemeinschaften etc. betrachten.
Wie sehr auch der zu Beginn des Artikels erwähnte „normale“ Mensch in der Lage ist, Macht zu missbrauchen, bestätigten eindrucksvoll die Experimente des Psychologen Stanley Milgram Anfang der 1960 Jahre. Unter der Anweisung höherer Autoritäten (= unter scheinbarer Abschiebung der individuellen Verantwortung) waren die Versuchspersonen bereit, andere Menschen zu quälen (ihre Macht also zu missbrauchen). Mit demselben Ergebnis wurde dieses Experiment 2008 in einer amerikanischen Universität wiederholt und 2010 durch französische Filmemacher auf andere Weise bestätigt. (Details zum Milgram-Experminent – siehe: Stanley Milgram (Autor), Roland Fleissner (Übersetzer) „Das Milgram-Experiment: Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität“ – 18. Auflage 1982)
Das Streben nach Macht finden wir den psychologischen Erkenntnissen folgend besonders stark ausgeprägt bei Menschen, die durch die Machtausübung Minderwertigkeitsgefühle kompensieren möchten. Diese Tatsache hat bereits der Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler (1870 – 1937) festgestellt.
Thomas Knecht, leitender Arzt der Zentralen Psychiatrischen Gutachtenstelle in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen, spricht von der „dunklen Triade der Macht“. (siehe: http://www.macht-in-unternehmen.de/macht-psychologie/interview-mit-thomas-knecht/). Nach seinen Ausführungen besteht diese Triade aus der Selbstüberhöhung mit der Bereitschaft zur Ausbeutung (Narzissmus) , der Begabung zur sozialen Manipulation (Machiavellische Intelligenz) und der Bereitschaft, rechtliche Grenzen zu überschreiten (psychopathische Skrupellosigkeit).
Auch aus vielen anderen, hier aus Platzgründen nicht zu erörternden Untersuchungen geht hervor, dass der Wille zur Macht (der Ausdruck geht auf den Philosophen Friedrich Nietzsche zurück) sehr oft mit entsprechend fragwürdigen charakterlichen bzw. psychischen Voraussetzungen verknüpft ist.

Unter den Menschen mit einem extrem starken Drang zur Macht dürften allen psychologischen Erkenntnissen zufolge eine statistisch signifikante Anzahl bedenkliche psychische Muster aufweisen. Menschen, die an zu große Macht gelangen – auch dies bestätigt die Psychologie – neigen wiederum zu einer bedenklichen Veränderung ihres ursprünglich vielleicht völlig „normalen“, „unauffälligen“ Charakters (ohne jetzt erläutern zu wollen, was unter einem „normalen, unauffälligen Charakter“ zu verstehen ist). Viele von ihnen werden selbstherrlich, unfähig zur Selbstkritik, umgeben sich mit Ja-Sagern und ersetzen Wissen und Empathie durch bloße Autorität, die letztlich nicht mehr auf Kompetenz und besondere Qualifikation sondern nur mehr auf der Hierarchie der Macht und den Möglichkeiten, diese auch skurpellos auszunützen beruht.
Macht ist eine Versuchung zum Machtmissbrauch, zur Selbstüberschätzung, zur Weigerung, Fehler einzusehen und (vor allem in Unternehmen) von weniger Mächtigen zu lernen. Welcher Vorstandschef „lernt“ schon gerne von einem Abteilungsleiter, welcher Abteilungsleiter von einem Sachbearbeiter?
Ein Sprichwort sagt: „Macht ist die Chance, nicht lernen zu müssen“. Wer schon einmal in Vorstandsetagen vergeblich mit guten Argumenten gegen sture Macht angerannt ist, versteht, was damit gemeint ist: „Macht macht dumm“.
An dieser Stelle sei ausdrücklich drauf hingewiesen, dass damit nicht alle Mächtigen (ob in Wirtschaft oder Politik) verdächtigt werden sollten, eine entsprechend problematische Psyche zu besitzen. Wir können aber durchaus davon ausgehen, dass diese Problematik in der Welt der Mächtigen in einer statistisch signifikanten Größenordnung auftritt.
Wir haben also allen Grund, uns vor der „Macht“ zu fürchten.
Während die politische Macht in demokratischen Staaten durch Gewaltenteilung und regelmäßige Wahlen noch einigermaßen kontrolliert werden kann, ist es um die Beherrschung und Beschränkung der Macht in der Wirtschaft (vor allem in den großen Konzernen und Finanzinstituten) viel schlechter bestellt. Hier wird die Macht meist lediglich durch das Nichterreichen von Zielen (mit nachfolgendem totalen Machtverlust) beschränkt. Die so dringend erforderlichen Gegengewichte zur unumschränkten Macht in den Schaltzentralen der Wirtschaft – Wirtschafts- und Arbeitsrecht und die Arbeitnehmervertretungen – spielen in der globalisierten Welt eine immer geringere und im Bereich der Finanzspekulationen überhaupt keine Rolle. Mächtigen Konzernen ist in vielen Fällen auch mit keinem Strafrecht mehr beizukommen.
Verschärft wird diese Problematik durch die Tatsache, dass die globalen Krisen immer größer, drängender und unbeherrschbarer werden. Die Lösung einer Krise erfordert Macht. Dementsprechend laut ist zum Beispiel in Europa der Ruf nach dem Zurückdrängen der nationalstaatlichen Egoismen und dem Übertragen der entsprechenden Macht an eine zentrale Gewalt. Macht sollte also kumuliert werden, um die sich kumulierenden Probleme zu lösen.
Kumulierte Macht ist ein Magnet für Menschen, die nach unbeschränkter Machtausübung streben. Der Ruf nach einem starken Mann, der alle Probleme löst, wird meist erhört: – durch einen Mann, der jede Machtbegrenzung ignoriert und außer Kraft setzt (dass es sich bei dem „Mann“ um eine „Frau“ handeln könnte, halte ich für statistisch eher unwahrscheinlich).
Wenn wir die letzten Jahrzehnte kritisch analysieren fällt auf, dass die sich kumulierenden Probleme zu einem großen Teil erst durch kumulierte Macht entstanden sind. Die Akteure am Finanzmarkt wurden immer größer und mächtiger und verursachten viele der Probleme, die wir bis heute nicht in den Griff bekommen. Wann immer Politiker in der Geschichte zu mächtig wurden, stellten sich Korruption, Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch und Aushöhlung der Demokratie ein. Wer in starken Machtzentren das Heilmittel für die Lösung unserer Probleme sieht, macht den Bock zum Gärtner.
Wir brauchen keine Machtkonzentration, um unsere Probleme zu lösen, sondern einen Rückbau und eine Dezentralisierung der Macht. Und wir sollten nicht jene an die Schalthebel der Macht lassen, die von sich aus zur Macht drängen, sondern jene, die dieser Aufgabe mit dem nötigen Respekt begegnen und bereit sind, den verführerischen Platz zu verlassen, bevor die Versuchung zum Machtmissbrauch übermächtig wird.
Vor allem die wirtschaftlichen Einheiten müssen wieder „kleiner“ werden. Das zu fordern und auch durchzusetzen wäre der größte Beitrag, den die Politik angesichts der andauernden Wirtschaftskrise leisten könnte.

error: Inhalt ist Copyright geschützt